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Alles auf Anfang:
Eine persönliche Reise durch 18 Jahre Filmstiftung NRW

10 Filme, zusammengestellt und eingeleitet von Daniel Kothenschulte

"Growing up in Hollywood" hieß einmal die Autobiographie eines Filmbegeisterten. Ganz so war es hier natürlich nicht, und doch bin ich in einer Gegend aufgewachsen, die sich vor meinen Augen in ein Filmland verwandelt hat. Dass die Bilder selbst das Laufen bereits ein Jahrhundert zuvor gelernt hatten, bedeute nicht, dass sie es hier schon konnten. Die 90er Jahre waren eine Aufbruchszeit für das deutsche Kino, das einen Generationswechsel erlebte. Nicht alles klappte gleich am Anfang – Reinhard Münsters Film "Alles auf Anfang" ist dafür ein schönes Beispiel. Aber was funktionierte, darüber freute man sich wirklich. Junge Regisseure wie der Wuppertaler Tom Tykwer wurden schlagartig berühmt, heute wäre das bedeutend schwieriger. Plötzlich war es aber auch möglich, internationalen Meistern bei der Arbeit zuzuschauen. Wie viele andere meldete ich mich als Statist bei Peter Greenaway und stapfte für eine Tagesgage 30 DM mit blauem Gesicht durch die Eröffnungsszene von "Das Baby von Macon". Das eindrucksvollste war dabei der damals 73-jährige Bildgestalter Sasha Vierny, der durch keinen Sucher mehr zu schauen brauchte, um ein Bild zu komponieren.

Wie von selbst fügen sich diese Erinnerungen in eine Filmreihe. "Der Croupier" zu Beispiel, den Mike Hodges mit Clive Owen in Monheim drehte, war eine Lektion in funktionalem, guten Genrekino. Damals wie heute alles andere als alltäglich. An einem Drehtag wurden Journalisten auf das Set eingeladen. Sie sollten mit umgehängten Kameras gleich in einer Szene mitspielen. Der Dokumentarfilm "Nico Ikon" den Susanne Ofteringer an der KHM realisierte, zeigte dagegen, wie weit man kommen kann, wenn man sich von Köln in die Welt hineinblickte, in diesem Fall in die Geschichte der Popkultur. Auch ein märchenhafter Coming-of-Age-Film wie "Der Freund aus Faro" von Nana Neul handelt von Fernweh, aber er bündelt es in einem wunderbaren Bild der Provinz und einer Lebensphase größter Empfindsamkeit. Wahrscheinlich dokumentiert jedes filmisches Debüt ein Erwachsenwerden. Werner Schroeters "Poussiers d'Amour" wirft diesen Blick dagegen zurück, wenn sich greise Operndiven an ihre Jugend erinnern.

Auch der "Zweitlingsfilm" zum Auftakt unserer Reihe im Filmforum NRW am 21. Januar, "Zarte Parasiten" von Christian Becker und Oliver Schwabe, handelt vom Preis der Liebe: Diese ernste Komödie über den Warenwert der Gefühle gehörte zu den Entdeckungen der Filmfestspiele in Venedig, jetzt ist sie zum ersten Mal in Köln zu sehen. Ein junges Paar verdient sich sein Auskommen, in dem es sich bei einsamen Menschen einnistet. Als Jakob (Robert Stadlober) einem trauernden Vater den verstorbenen Sohn ersetzt, findet er plötzlich selbst Halt in der Lüge. Selten kommt es vor, dass ein scheinbar leichter Film eine olche Nachhaltigkeit entwickelt.

Daniel Kothenschulte, Filmkritiker der Frankfurter Rundschau, ist Kurator der Filmreihe "Alles auf Anfang" -- Eine filmische Reise durch 18 Jahre Filmstiftung NRW.

 

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November 2011