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29.06.2010 - 11:57 Uhr

Im Rausch der dritten Dimension:
Technik vs. Content – 3D als neue Chance?

Wim Wenders gab einen Einblick in
die Enstehung von "Pina"

Im Zuge des wachsenden Booms mit 3D-Filmen im Kino planen auch immer mehr deutsche Regisseure und Produzenten ihre ersten 3D-Projekte. Zu den Vorreitern gehört Wim Wenders, der in Wuppertal derzeit den 3D-Tanzfilm „PINA“ dreht, der mit Unterstützung der Filmstiftung NRW realisiert wird. Zum Auftakt der Diskussionsveranstaltung „Technik versus Content“ im Rahmen von medienforum.film gab Wim Wenders in einem Gespräch mit Filmjournalist Hanns-Georg Rodek von „Die Welt“ Einblick in die Entstehung und Umsetzung seines 3D-Films „PINA“.

„Ich wollte schon seit über 20 Jahren einen Tanzfilm mit Pina Bausch drehen, doch erst als ich vor einem Jahr das digitale 3D gesehen habe, wusste ich, wie ich diesen umsetzen kann“, erklärte Wim Wenders. Noch bevor der Regisseur der berühmten Choreographin seine ersten Testaufnahmen in 3D vorführen konnte, verstarb sie überraschend vor genau einem Jahr. „Wir haben daraufhin sofort die Vorbereitungen zu unserem Film eingestellt.“ Doch zwei Monate später überzeugten ihn die Tänzer, dieses Projekt wieder aufzunehmen. „Ich musste mein Konzept schnell ändern. Der Film ist jetzt als eine Hommage angelegt, in der die Arbeit im Vordergrund steht.“

Wim Wenders (r.) im Gespräch mit
Moderator Hanns-Georg Rodek
Wim Wenders verriet, dass Pina Bausch durchaus in diesem 3D-Film zu sehen sein wird. „Es gibt in einem 3D-Film die Möglichkeit, ein flaches 2D-Bild in den Raum einzubauen und eine Ebene zu geben.“ Um diesen Tanzfilm in dreidimensionalem Format auf die Leinwand zu bringen, hat er den französischen Stereographen Alain Derobe engagiert, der als einer der führenden 3D-Pioniere in Europa bereits vor zwölf Jahren einen Stereo 3D-Kamera-Rig entwickelt hat, der die beiden Kameras durch einen halbdurchlässigen Spiegel miteinander verbindet. „Diese Technik war allerdings noch nicht so weit, wie wir gehofft hatten“, gestand Wenders, der damit die natürliche Raumwahrnehmung so plastisch filmen wollte, als ob der Zuschauer selbst direkt vor der Bühne stehe. Doch bei den ersten Testaufnahmen in 3D musste er feststellen, dass sich beim Dreh in 3D mit 24 Bildern pro Sekunde keine natürlich fließenden Bewegungen aufnehmen lassen, weil dabei keine Bewegungsunschärfe entsteht. Dieses Problem löste er bei seinem letzten Dreh im März/April dieses Jahres durch den Einsatz einer sehr beweglichen SteadyCam.

Zudem musste Wenders die Erfahrung machen, dass 3D sehr viel mehr Licht erfordert. „Der Spiegel zwischen den Kameras kostet 1,5 Blenden“, erläuterte der Regisseur. „Da bei ‚PINA' die existierende Lichtstimmung ein wichtiges Element darstellt, mussten wir mehr Licht setzen, um diese Stimmung zu bewahren.“ Nach diesen ersten Erfahrungen mit der 3D-Technologie ist Wim Wenders davon völlig begeistert. „Es gibt für Dokumentarfilme nichts Fantastischeres, als sie in 3D zu drehen, weil dadurch ein neuer Zugang zur Realität geschaffen wird“, schwärmt der Regisseur. Die Anwesenheit eines Menschen vor der Kamera habe in 3D eine viel stärkere Präsenz.

Martin Hagemann im Gespräch
über sein erstes 3D-Kinofilmprojekt.
Sein erstes Kinofilmprojekt in 3D bereitet derzeit auch Martin Hagemann, Produzent der zero film, vor. Ursprünglich war der Science-Fiction-Thriller „Creeping Zero“, der in englischer Koproduktion entsteht, als 2D-Film geplant. „Nachdem die Produktion von ‚Avatar' in 3D angekündigt wurde, haben sich Fonds in den USA plötzlich für 3D-Projekte interessiert“, berichtete Martin Hagemann. „Daraufhin beschloss unser Team, einen zehnminütigen Teaser in 3D zu drehen.“ Nach den ersten Erfahrungen beim 3D-Dreh hat der Drehbuchautor sein Skript komplett umgeschrieben, um schon in der Vorlage die besonderen Erfordernisse dieser Produktionsweise zu berücksichtigen. „Der höhere Aufwand für den 3D-Dreh wird durch weniger Drehorte und eine geringere Auflösung eingespart“, erläuterte der Produzent. „Die Mis en scène spielt dabei eine viel wichtigere Rolle.“ Der Etat von „Creeping Zero“, der sich noch in der Finanzierung befindet, ist damit um ein Viertel auf insgesamt 20 Mio. Euro angestiegen. Die Filmaufnahmen zu diesem 3D-Thriller, bei dem Billy OBrien die Regie übernimmt, sollen Ende des Jahres beginnen.

Die Dreharbeiten in 3D bringen allerdings manche technische Tücken mit sich, vor denen selbst teure Großproduktionen nicht gefeit sind. So mussten die Filmaufnahmen zu dem Horrorfilm „Resident Evil Afterlife 3D“ abgebrochen werden, weil beim Einsatz der 3D-Technik längere Bewegungsabläufe gefilmt werden müssen. „Die Stuntmen in den USA können sich nicht richtig vor der Kamera prügeln“, erklärte Martin Hagemann, „denn sie sind es gewohnt, nur zu einem Schlag auszuholen, nach dem dann ein Schnitt erfolgt. Deshalb mussten für diese Produktion Stuntmen aus Russland eingeflogen werden.“

Mit dem Remake des Fantasy-Films „The Gate“ befindet sich auch bei der Kölner MMC Independent derzeit ein 3D-Spielfilmprojekt in Vorproduktion. „Der Dreh in 3D bietet sich bei einem großen Unterhaltungsfilm an“, versicherte Bastie Griese, Leiter der Kinospielfilmabteilung der MMC. Seiner Enschätzung nach eigne sich 3D jedoch nicht für alle Genres. „Das Kino lebt von Geschichten. Doch es ist nicht in jedem Fall sinnvoll, eine Geschichte in 3D zu erzählen.“ Der Produzent Martin Hagemann hingegen sieht in 3D ganz neue Potenziale für Erzählformen. „Mit 3D lässt sich zeigen, wie einsam jemand in der Masse ist“, bekräftigte Hagemann. „Dies eröffnet die Möglichkeit, etwas psychologisch sehr dicht zu erzählen.“

Michael Brink
Auch in der Werbung bietet das stereoskopische 3D ganz neue Möglichkeiten. „Wir haben versucht, die Werbebranche in Deutschland schon vor dem Kinostart von ‚Avatar darauf hinzuweisen“, betonte Michael Brink, Geschäftsführer von PICTORION daswerk. Zu diesem Zweck begab sich die Postproduktionsfirma 2009 auf eine Deutschlandtour durch fünf Städte, um für die Produktion von 3D-Spots zu werben. „Viele Vertreter der Werbeindustrie zeigten kein Interesse, da sie davon ausgegangen sind, dass ‚Avatar nach wenigen Wochen wieder aus dem Kino verschwunden ist.“

Ludger Pfanz
Ludger Pfanz
, Leiter des „Expanded 3Digital Cinema Laboratory“ an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe, ist fest davon überzeugt, dass sich 3D künftig sowohl im Kino, Fernsehen als auch auf den Computerbildschirmen durchsetzen wird. „Es ist kommerziell dermaßen lukrativ, sämtliche Geräte auszutauschen, dass die Industrie großes Interesse daran hat. Es herrscht eine regelrechte Goldgräberstimmung.“ Derzeit sei die Fußballübertragung in 3D zwar noch nicht überzeugend, doch generell biete sich gerade Fußball als Strategiespiel für die Darstellung in 3D an. „Fußball wird der Motor sein, um das Fernsehen auf 3D umzustellen.“

Michael Brink, Bastie Griese, Hanns-Georg Rodek, Ludger Pfanz und Martin Hagemann
© Heike Herbertz / Filmstiftung NRW

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Fotos:
© Heike Herbertz / Filmstiftung NRW
Für druckfähige Bilder wenden Sie sich bitte an:
Filmstiftung NRW, Erna Kiefer
Tel.: 0211 930 50 0, presse@filmstiftung.de

 


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