29.03.2005 - 12:00 Uhr
54. Hörspielpreis der Kriegsblinden geht an Stefan Weigl
Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. und Filmstiftung NRW verleihen zum 54. Mal die renommierte Auszeichnung für Hörspielautoren
Für sein Hörspiel ”Stripped – Ein
Leben in Kontoauszügen” erhält Stefan Weigl den diesjährigen Hörspielpreis
der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst. Der Hörspielpreis der
Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Auszeichnungen für Hörspielautoren
zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. und
der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen getragen. Mit dem Preis wird laut
Statut jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und
produziertes Hörspiel ausgezeichnet, das „in herausragender Weise die
Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert”. Die Preisverleihung, die
abwechselnd in Berlin und Nordrhein-Westfalen durchgeführt wird, findet in
diesem Jahr am 6. Juni auf dem Petersberg in Bonn/ Königswinter
statt.
Das prämierte Hörspiel ”Stripped
– Ein Leben in Kontoauszügen” ist eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks.
Das knapp einstündige Stück wurde am 24. Mai 2004 urgesendet.
Entschließung der Jury
„Mit dem 47-minütigen, rhythmisch-musikalisch zugespitzten
Vortrag der eigenen Kontoauszüge, wagt Stefan Weigl nicht nur einen
Striptease, der den letzten Hort der Privatheit – das eigene Girokonto – der
medialen Öffentlichkeit preisgibt. Er kehrt darin die Metapher von der
Nacktheit des Menschen als einen auf das Wesentliche reduzierten Urzustand um,
indem sich das sprechende Ich allein aus seinen ökonomischen Rahmenbedingungen
definiert. Der maschinell erstellte Papierstreifen (Strip), wird so zum
eigentlichen Dokument menschlicher Individualität und zugleich ihrer
fortwährenden Aufhebung durch ökonomische Zwänge.
So geben die Kontobewegungen einerseits erschreckend
detailliert Auskunft über Bedürfnisse, Interessen, Verpflichtungen und
Gewohnheiten des Autors und führen ihn in diesem Sinne nackt vor. Auf der
anderen Seite entwickelt sich aus dem Vortrag jedoch auch die Geschichte eines Strebens nach
Gesellschaftsfähigkeit, deren Tempo – fremdbestimmt, durch Konsumzwänge– im Hörspiel von Elektrobeats des
Klangkunst-Duos „Holosud“ diktiert werden. Sie endet mit jedem Monatsabschluss
in drückender Stille, wenn das Saldo der Lebensführung genannt wird. Eine
ihrerseits nackte Zahl markiert die existentielle Bedrohung, die sich wie ein Schatten
über die Jagd nach Werthaltigkeit legt. Jedes neue Minus, größer als das im
Monat zuvor, löscht die Kontobewegungen aus und damit gerade die einzigen
Zeugnisse, die das sprechende Ich von seiner Identität gibt. Auf dem
dramatischen Wendepunkt, der Insolvenz, ändert der kafkaeske Kreis lediglich
die Laufrichtung ohne einen Ausweg zu bieten: Nun wird das Konsumverhalten
nicht mehr von individuellen Bedürfnissen bestimmt, sondern durch die Kredit gewährende
Bank gemaßregelt. Nackt, in seinem Urzustand, ist der moderne Mensch als Homo
oeconomicus entlarvt.
‚Stripped – ein Leben in Kontoauszügen’ ist ein Glücksfall
für das Medium Radio, denn die künstlerische Verdichtung eines Sujets der
Sozialreportage bei gleichzeitigem Verzicht auf literarische Ausgestaltung
konnte in dieser Eindringlichkeit nur mit akustischen Mitteln gelingen. Weigl
thematisiert die Verarmung inmitten einer Wohlstandsgesellschaft, ohne dabei
sozial benachteiligte Randgruppen aufzusuchen, er zeigt den Mechanismus von
Konsumzwängen auf, ohne Jugendliche vorzuführen, die sich durch den exzessiven
Gebrauch ihres Handys verschuldet haben, und er spielt gleichzeitig mit dem
Voyeurismus des Reality-TV, ohne sich mit ihm gemein zu machen. Der Vortrag der
eigenen Kontoauszüge eines Autors bricht auf radikale Weise mit der „heilen“
(scheinheiligen) Medienwelt und erlaubt erst die virulente, nicht nur
betrachtend-beispielhafte Darstellung aktueller Missstände. Dass dies
überzeugend gelingt, ist wesentlich der mutigen Gestaltung eines künstlerischen
Experiments zuzuschreiben, das in seiner Machart Unikat bleiben dürfte.“
Zum diesjährigen Preisträger
Stefan
Weigl wurde 1962 in
München geboren. Er studierte dort Germanistik, Orientalistik und Organisationspsychologie.
Von 1989 bis 1999 arbeitete er als Texter und Creative Director für verschiedene
Werbeagenturen in München, Düsseldorf und Köln. Von 1992 bis 2004 lebte Stefan
Weigl in Köln; aus privaten Gründen zog er 2004 zurück nach München und arbeitet
dort seitdem als Autor für Film, Fernsehen und Hörfunk. Unter anderem wirkte
er 1999 als Co-Autor am Drehbuch zu dem Spielfilm „Waschen Schneiden Legen“ mit.
„Stripped – ein Leben in Kontoauszügen“ ist sein erstes Hörspiel.
Der Jury, zum ersten Mal unter
Vorsitz von Dr. Michael Naumann, ehemaliger Kulturstaatsminister
und jetziger Herausgeber der ZEIT, gehören jeweils sieben Kriegsblinde und
sieben Fachkritiker sowie fünf von der Filmstiftung NRW berufene Juroren
aus dem Kulturbereich an. Bei der zweitägigen Jurysitzung, bei der
BR-Intendant Prof. Dr. Thomas Gruber, Vorsitzender der ARD, ein Grußwort
sprach, fielen 11 von insgesamt 19 Stimmen auf ”Stripped“.
Der bedeutende Preis wurde u.a.
bereits an Autoren wie Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, Heiner Müller,
Heiner Goebbels, Urs Widmer, Günter Eich, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Walter
Kempowski, Wolfgang Weyrauch, an Andreas Ammer/ FM. Einheit, Christoph
Schlingensief und im letzten Jahr an Elfriede Jelinek vergeben.
Die Biographie finden Sie hier.
Ein Foto
des Preisträgers erhalten Sie unter: presse@filmstiftung.de