Film und Medien Stiftung NRWEventsHörspielpreis der Kriegsblinden

Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ von Susann Maria Hempel gewann den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden (Pressemitteilung). Die renommierte Auszeichnung, getragen vom Bund der Kriegsblinden e.V. (BKD) und der Film- und Medienstiftung NRW, wurde am Dienstag, dem 7. Mai 2019, feierlich im Deutschlandfunk Köln verliehen.

 

Die Gewinnerin:

„Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“

Autorin: Susann Maria Hempel (Kurzbiografie)
Produktion: RBB
Reinhören: www.kulturradio.de
Pressefoto: Susann Maria Hempel © Samuel Henne

Zum Inhalt:
Das Radiostück basiert auf Gesprächen mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der im Gefängnis einen schweren Schock mit darauffolgender Amnesie erlitt. Als vermeintlichem Republikflüchtling wurde ihm ein „Grenzproblem“ übergestülpt, das nicht seins war. Und dann hat er eine Grenzerfahrung ganz anderer Art gemacht: Im Gefängnis sei die Seele aus ihm „rausgemacht“ worden, sagt er. Und sie ist bis heute nicht heimgekehrt in ihr Gefäß. Er denkt sie sich dennoch gut aufgehoben – dort nämlich, wo ihr immer am wohlsten war: im Wald. Als sein ältester Freund starb, beginnt der Häftling, der Autorin von seinem Leben zu erzählen. Sie wird auf die tiefe Verbundenheit aufmerksam, die beide zum Wald hatten. Ihr ganz eigener, in der Kindheit wurzelnder Mythos des Waldes wurde mit dem Tod des Freundes wieder lebendig. Und in gewisser Weise hat die Autorin das Erbe ihrer Freundschaft angetreten. So, wie sich einst das Gesicht des Einen vor dem Anderen hob, hebt sich nun das Gesicht ihrer Freundschaft vor ihr.

Jurybegründung:
„Ich rede also bin ich“, dieses Motto scheint die treibende Kraft dieses Hörspiels zu sein. Denn atemlos und dennoch zart, fast geflüstert, erschafft sich die einzige Stimme, die wir hier hören, Sekunde für Sekunde buchstäblich neu.  Erinnerungsbilder tauchen auf und verschwinden,  Erlebnisfragmente aus der untergegangenen DDR und einem Ich, das ständig unterzugehen droht. Diese Geschichte eines beschädigten Lebens erschließt sich über die Dauer des soghaft wirkenden Stücks, und zwar aus nächster Nähe: Immer wieder stellt sich eine Identifikation der Hörerin mit der im Hörspiel angesprochenen Zuhörerin Susann ein, die gewissermaßen Antriebsmotor und Registriergerät für die gehetzte Erzählstimme ist.  Es hat etwas Magisches, wie diese Hörerin ein Etwas aus dem „schweigenden Nichts“  herauf beschwört, das nach Rudolf Arnheim Voraussetzung von Radiokunst ist.  Susann Maria Hempel spricht ihre Figur durchgehend mit geradezu hypnotischer Intensität. Ihre experimentelle Komposition unterstreicht das fragile Eigenleben der Stimme und der von ihr beschworenen Innenwelt. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ basiert auf Interviews der Autorin mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der aufgrund eines Schocks an Amnesie leidet. In der mehrfachen künstlerischen Brechung dieser Geschichte wird die Frage nach der Seele und ihrer Zerbrechlichkeit ins Universale erweitert und es entsteht ein emotionales wie artistisch hochkomplexes, leises Stück.

 

Die Nominierten:

„Der Absprung“

Autor: Paul Plamper (Kurzbiografie)
Produktion: WDR, Schloss- und Kulturbetrieb Altenburg mit BR und DLF Kultur 2018
Reinhören: www.hoerspielpark.de
Pressefoto: Paul Plamper © WDR / Thomas Kierok

Zum Inhalt:
Eine ostdeutsche Kleinstadt namens „Leerstadt“: 2015 sind Geflüchtete in die schrumpfende Stadt gekommen. Die Konflikte um die Zuwanderung eskalieren, als ein neu-rechter Demagoge die Wut und Ängste der Bürgerinnen und Bürger nutzt und zu einem Boykott gegen das städtische Theater aufruft. Dort probt das multinationale Theaterensemble gerade eine umstrittene Aufführung mit einem Hauptdarsteller aus Kamerun. Die Stadt gerät in einen medialen Wirbel um Rassismusvorwürfe und Ost-Vorurteile, als Mitglieder des Theaters ankündigen, Leerstadt zu verlassen. Das Hörspiel erzählt von Zerrissenheit, Lagerbildung und zielt auf eine vielschichtige Darstellung der aktuellen gesellschaftlichen Fliehkräfte. „Der Absprung“ war bereits als 20-Kanal-Audio-Installation im Residenzschloss Altenburg und im ZKM Karlsruhe zu erleben. Nach „Future Dealers“ (Museumsquartier Wien 2016) und den „Dienstbaren Geistern“ (WDR und Ruhrtriennale mit BR, DLF Kultur und MDR 2017) bildet das Projekt den dritten und abschließenden Teil von Plampers „Fremde & Geister“-Trilogie über die Konstruktion des Fremden.

Jurybegründung:
Ein Schwimmbad, ein Theaterraum, ein Marktplatz, ein Versammlungsort. Alle liegen sie in der fiktiven ostdeutschen Kleinstadt „Leerstadt“ und überall wird gesprungen:  ins Wasser, in eine Menge von potentiellen Wählern oder einfach nur auf die nächste Karrierestufe. Paul Plamper und sein Team umkreisen den symbolischen Moment des titelgebenden Absprungs  in einer Handlungs- und Aktionsreihe und lassen eine mögliche politische Alltagswelt entstehen. So,  wie sie sich heute darstellt – allerdings selten zu einem Lehrstück gebündelt  wie hier. Ein multinationales Theaterprojekt – der „Hauptmann von Köpenick“ mit einem Schwarzen in der Titelrolle –  wird von einem rechten Aufpeitscher und seinem Pöbel torpediert, dann vom Publikum umarmt und geht schließlich erfolgreich auf Tournee.   Wobei eine bittere Pointe des Stücks in der Schieflage besteht, dass erst der Aufruhr dem Stück Aufmerksamkeit  bescherte, dass der Hauptdarsteller aber letzten Endes nicht mitziehen kann. Plampers Stück stellt Zugangsweisen zur Auseinandersetzung mit „dem Fremden“ dar, wie sie seit 2015 in Kulturszene und Allgemeinbevölkerung zu beobachten sind. Der Autor tut dies, wie immer in seinem Werk, nah an der Wirklichkeit, in zugespitzt improvisierten Szenen. Seine AkteurInnen zeigen hyperdokumentarisch, wie bekannte Denkformen, Redemuster, Textsorten, Schlagwörter und vor allem Stimmmasken eine dynamische, emotionale Gemengelage schaffen. Sie besteht aus gutgemeinter Unterstützung, Hilflosigkeit, populistischem Kalkül und rücksichtslosem Egoismus. Und dass „Der Absprung“ gerade den zurücklässt, um dessen Wohl es  der Theatertruppe scheinbar doch ging, sollte uns nachdenklich machen.

 

„Die Toten von Feuerland“

Autoren: Ulrike Haage, Andreas Ammer (Kurzbiografien)
Produktion: NDR, Deutschlandfunk Kultur
Reinhören: www.ndr.de
Pressefoto: Ulrike Haage und Andreas Ammer © NDR Radiokunst

Zum Inhalt:
Am 11. Mai 1830 tauschen die Seeleute der „Beagle“, eines später berühmten Forschungsschiffes, mit den Ureinwohnern Feuerlandes nicht nur den üblichen Tand gegen Fische, sondern den jungen Feuerländer Orundellico vom Stamm der Yamana gegen einen Perlmuttknopf. Aufgrund der Umstände seines „Erwerbs“ bekommt der 15-Jährige den Namen Jemmy Button. Er wird mit drei anderen Patagoniern nach England verschifft. Ein Gutachten kommt zu der Schlussfolgerung: „Er könnte zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft gemacht werden; aber es würde große Sorgfalt erfordern, da sein Eigensinn dabei stören würde.“ Diese tatsächliche Geschichte erzählt von den Folgen der Entwurzelung. Jemmy Button wurde ein Jahrhundert später zum Vorbild für Michael Endes Kinderbuchfigur Jim Knopf.

Jurybegründung:
Es gibt Erzählgenres, die im zeitbasierten Medium Hörspiel besonders gut funktionieren. Zu diesen Genres gehört die Reisenarration. Sie entfaltet sich bestenfalls in einem dichten, atmosphärischen Strom aus Bildern, Gedanken und Reden des Personals, aus  Querverweisen und Überlegungen der Macherinnen und all dies zusammen ergibt dann die „Handlung“ des Hörspiels, auf die die das Duo Andreas Ammer und Ulrike  Haage  im Untertitel verweist. Nun handelt dieses Werk zunächst aus der eigenen Klangsprache heraus, mit denen die mindestens doppelte Reise – ins Feuerland der Vergangenheit und in die europäische Kolonialgeschichte – als Kollage erzählt wird. Originaltonaufnahmen vom Stamm der Yamana sprechen mit Fragmenten aus Seemannsliedern, die mit Wortlisten der Ureinwohner  Feuerlands im Dialog stehen und als Echokammer der konkreten Geschichte des Jemmy Button wirken, der in einem Tauschhandel zu seinem Namen kam: 1830 zahlten Seeleute des englischen Schiffs „Beagle“ für den Jungen das Entgelt eines Knopfes und nahmen ihn nach England mit. Die „Beagle“ erhielt durch ihren späteren Passagier Charles Darwin ein Nachleben, und auch der Junge gelangte im 20. Jahrhundert in Michael Endes Figur des Jim Knopf zu Weltruhm. Ammer und Haage spielen geschickt mit dem Perspektivwechsel, unter dem die Entdeckungsreisen des 19. Jahrhunderts in jüngster Zeit verhandelt werden: dienten sie tatsächlich dem Erkenntnisgewinn oder waren es schlicht Raubzüge. Und wie stand und steht es mit Selbstüberschätzung und Vergangenheitsbewältigung in der sogenannten Ersten Welt? Verbunden sind die kaleidoskopisch gesetzten, disparaten Teile der Reiseerzählung durch die verführerische Komposition von Ulrike Haage. Haage und Ammer machen sich seit Jahrzehnten für die Hörkunst verdient. Oft setzen sie Trends, hier geben sie der aktuellen Debatte um koloniale Verbrechen einen emotional  angereicherten Klangraum.

 

Die Jury des 68. Hörspielpreises der Kriegsblinden

Blinde Juroren:

  • Paul Baumgartner
  • Hans-Dieter Hain
  • Dietrich Plückhahn
  • Siegfried Saerberg
  • Dörte Severin

Kulturschaffende:

  • Gaby Hartel (Kulturwissenschaftlerin, Vorsitzende der Jury)
  • Thomas Irmer (Freier Journalist u.a. Theater der Zeit)
  • Eva-Maria Lenz (Freie Journalistin, FAZ, epd)
  • Doris Plöschberger (Suhrkamp Verlag)
  • Diemut Roether (epd medien)
  • Hans-Ulrich Wagner (Universität Hamburg, Hans Bredow-Institut)
  • Isabel Zürcher (Kritikerin, Lektorin und Publizistin)
  • Jenni Zylka (Journalistin, Autorin und Moderatorin)