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56. Hörspielpreis der Kriegsblinden geht an Schorsch Kamerun

Bund der Kriegsblinden e.V. und Filmstiftung NRW verleihen zum 56. Mal die renommierte Auszeichnung

Für sein Hörspiel "Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt" erhält Schorsch Kamerun den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegs-blinden/Preis für Radiokunst. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Aus­zeichnungen für Hörspielautoren zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblin­den Deutschlands e.V. und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen getragen. Mit dem Preis wird jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und pro­duziertes Hörspiel aus-gezeichnet, das "in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert".

Das Hörspiel "Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt" wurde vom WDR produziert und am 25. September 2006 urgesendet.

Am 7. und 8. März tagte die Jury in Zürich – und damit erst zum zweiten Mal außer­halb Deutschlands – um über das beste deutschsprachige Hörspiel des Jahres zu entscheiden. Nachdem zuvor auch immer wieder österreichische und schweizerische Autoren mit dem Hörspielpreis ausgezeichnet wurden, hat man sich entschieden, dass der Preis sich künftig auf den gesamten deutsch-sprachigen Raum erstreckt. Diesjähriger Gastgeber war das Schweizer Radio DRS.

Die Preisverleihung findet am 4. Juni im Plenarsaal des Bundesrates in Berlin statt.

Entschließung der Jury:

Kamerun zeichnet das bestürzende Porträt einer Generation, die zwischen Medien­geschwätz, Lifestylemode und Kaufwelt,zwischen verordneter Wahlfreiheit und all­gemeiner Beliebigkeit keine Chance auf ein originales Leben, auf authentische Wün­sche hat. Kameruns Menschen, leben in einer indirekten Welt, zugeschüttet mit einem Übermaß an Null-Information. Sprechen sie, zitieren sie? Ist das Plattheit oder Ironie? Und wo sind wir überhaupt? In der Wirklichkeit, im Fernsehen, in einer Talkshow, im Gespräch, in der Satire? Kamerun lässt das offen, lässt das Publikum teilhaben an der Desorientierung seiner Figuren.

Sie drehen sich im Kreis, zwischen Praktika und Projekten, zwischen Leerlauf und Wie­derholung. Dazwischen leuchtet wilde Wut auf, ohnmächtige Angst, ziellose Sehnsucht. Protest wird nicht gehört, geht unter im allgemeinen Medienbrei. Hoffnung findet nur vorgefertigte Wege. In bruchstückhaften Zitaten wird an eine Zeit erinnert, in der Auf­klärung und Kunst Werte vorgaben. Heute ist Verweigerung der höchste Wert. Und von den Gedanken der Aufklärung bleibt die Erkenntnis, dass man einen Gedanken eben nicht zu Ende denken kann.

Kamerun inszeniert das mit bestem Gebrauch radiophoner Mittel. Musik und Atmo­sphäre geben das Thema vor, ein auswegloses Kreisen in Wieder-holungen, mit winzigs­ten Variationen,mit seltenen Ausbrüchen von intensiver Heftigkeit. In Sprache und Musik sind sehr sorgfältig Kontraste montiert, die sich gegenseitig mattsetzen. Er arbei­tet mit Groteske und Komik – aber wenn man lacht, ist man zugleich tief entsetzt.

Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik überzeugte in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Mediums Radio.

Zum diesjährigen Preisträger:

Schorsch Kamerun wurde 1963 in Timmendorf geboren. Er ist Sänger und Gründungs­mitglied der Hamburger Punkband "Die Goldenen Zitronen". Seit einigen Jahren ist er auch als Theaterregisseur und -autor tätig. So inszenierte er unter anderem seine Stü­cke "Macht fressen Würde" am Schauspielhaus Zürich und "Spezialmensch" am Ham­burger Schauspielhaus. Anfang 2006 hatte seine Orientierungsoperette "Der Chinese im Kinderbett" am Niedersächsischen Staatstheater Hannover ihre Uraufführung. In der Spielzeit 06/07 hat Schorsch Kamerun das Stück "Macht und Rebel", nach dem Roman des norwegischen Autors Matias Faldbakken, an den Münchner Kammerspielen urauf­geführt. Am 18. April 2007 wird sein eigenes Stück "Der kleine Muck ganz unten" an der Berliner Volksbühne zur Uraufführung kommen. Darin wird es um den so genann­ten "positiven Patriotismus" in Deutschland gehen.

Auf der Grundlage der Theaterstücke verfasste Schorsch Kamerun die Hörspiele "Hollywood Elegien" und "Eisstadt" für den WDR, wie auch "Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt".

Der Jury, unter Vorsitz der Autorin Anna Dünnebier, gehören jeweils sieben Kriegs­blinde und sieben Fachkritiker sowie fünf von der Filmstiftung NRW berufene Juroren aus dem Kulturbereich an. Preisträger der vergangenen Jahre waren u. a. Stefan Weigl, Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief, Andreas Ammer & FM Einheit, Walter Filz, Inge Kurtz & Jürgen Geers sowie Eberhard Petschinka & Rafael Sanchez. Im letzten Jahr erhielt Michaela Melián den Hörspielpreis für "Föhrenwald".

Ein Foto des Preisträgers als Download finden Sie unter:

http://www.filmstiftung.de/Presse/hoerspielpreis_der_kriegsblinden07.php

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte:

Filmstiftung NRW, Presseabteilung, Tanja Güß, Tel.: 0211-930500, Fax: 0211-9305085


Liste der Jurymitglieder der 56. Sitzung Hörspielpreis der Kriegsblinden am 7. und 8. März 2007:

Kriegsblinde:

Christa Schmidt
Dieter Renelt
Maximilian Skiba
Rainer Unglaub
Dr. Hartmut Mehls
Hans-Dieter Hain
Hans Zehrer

Fachkritiker:

Dr. Eva-Maria Lenz
Evelyn Roll (2007 vertreten durch Jochen Meißner)
Dr. Thomas Irmer
Dieter Anschlag
Elmar Krekeler
Dr. Hans Ulrich Wagner
Markus Collalti

Filmstiftung:

Anna Dünnebier, Vorsitz
Michael Schmid-Ospach
Gisela Anna Stümpel
Dr. Herrad Schenk
Liane Dirks