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Film und Medien Stiftung NRWNewsNewsDaniel Kothenschulte über „Orphea“

Daniel Kothenschulte über „Orphea“

Als Max Reinhardt die deutsche Erstaufführung von Jean Cocteaus Drama „Orpheus“ über die Bühne gebracht hatte, schickte er dem Autor ein Telegramm: „Nur Sie wissen, sich in das Altertum zurückzubegeben und so gebräunt zurückzukommen, wie vom Strand des Meeres.“  Alexander Kluge und seinem philippinischen Kollegen Khavn Dela Cruz scheint die Reise zum Hades und zurück ähnlich gut bekommen zu sein. Unter den vielen Adaptionen des Mythos um die gescheiterte Utopie einer Errettung aus dem Totenreich ist ihre „Orphea“ eine besonders unbeschwerte, was schon mit der filmischen Form begint.

Mehr noch als ihr Vorgänger, das Gemeinschaftsprojekt „Happy Lamento“, ist sie eine Multimedia-Hybride: Khavn drehte parallel auf 8mm-Film und verschiedenen teils obsoleten Videoformaten, womit er seinen weiblichen Orpheus auch auf eine mediale Zeitreise schickt. Und Kluge, der Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg zwischendurch im Stil seiner klassischen Fernsehsendungen mit sanfter Stimme interviewt, unterbricht die experimentelle Narration mit einer Nummernrevue.

Schon in den 80er Jahren erkannte der Münchner Autorenfilmer in der Ankunft des Privatfernsehens eine Chance zur Rückkehr zum Jahrmarktskino der frühen Stummfilmzeit. Heute haben die Internetmedien die etablierten Formate filmischen Erzählens endgültig ausgehöhlt und nahezu zu Fall gebracht. In den Ruinen dieser Genres und Gattungen haben Kluge und Khavn fruchtbare Gärten geschaffen – und jeder auf seine eigene Art ein immenses Werk hervorgebracht. Ihre gemeinsame Reise zum Mythos der großen Liebesgeschichte führt folglich in ein Reich höchst lebendiger Schatten. Wie oft wurde zum Beispiel schon die Oper totgesagt?

Auch der weibliche Orpheus ist natürlich eine Sängerin, die mit der Macht der Musik die Toten zum Leben erwecken möchte – und in den Nischen der Kulturgeschichte aufspürt. Auf dem Programm stehen unter anderem Jacopo Peris frühe Vertonung des Mythos, „Orfeo“, von 1600 und Theodor W. Adornos selten gehörtes Lied „Rüssel Mammuts Heimkehr“, das er 1941 als Geburtstagsständchen für Max Horkheimer komponierte. „»Was streckt dort auf dem Wagen / den langen Rüssel raus?/ Es ist ein Mammut, / es ist ein Mammut, / und er fährt nach Haus.« Dies ist vermutlich die erste Aufnahme des Liedes überhaupt. Die Gegenwartsebene des Musikfilms steuert der auch als Musiker bekannte Khavn bei. Eine Inspiration für seine Texte fand er in Rainer Maria Rilkes „Buch der Bilder“: „In mir ist ein endloses Schrein/ und ich weiß nicht, schreit mir mein/ Herz oder meine Gedärme.” Wer versucht, dieses fischige Mischwesen von einem Film zwischen seine Finger zu bekommen, dem ist es schon entwischt.

War man zufällig 2018 beim Venedig-Festival dabei, als die Idee spontan bei einer gemeinsamen Präsentation aufkam, wundert man sich nicht über dessen rasante Fertigstellung.  Kluge, der am 14. Februar seinen 88. Geburtstag feiert, hat im 46-jährigen Khavn einen Seelenverwandten gefunden, oder umgekehrt. Beide sind Meister der intellektuellen Verknüpfungen, ihre Kunst des Gedankensprungs katapultiert uns durch Jahrhunderte und Kontinente. Beide nutzen für ihr Bildertheater intime, bei Khavn buchstäblich familiäre Produktionsstrukturen. Es gibt nichts, das sie auf diese Weise nicht in kürzester Zeit herzaubern könnten. Ganze Weltgebäude entstehen so mit der delikaten Konsistenz von Kartenhäusern, Papierschiffchen oder Laterna-Magica-Glasbildchen. Dass eine so spontane Produktionsweise überhaupt das für gewöhnlich nach ihrem eigenen Rhythmus mahlende Walzwerk der Filmförderstrukturen zu bringen ist, verdient besondere Anerkennung. Eine leinwandfüllende Danksagung würdigt Anna Fantl, die langjährige Leiterin der Produktion 2, heute „vereinfachten Filmförderung“. Mit 70.000 Euro unterstützte diese primär künstlerisch ausgerichtete Abteilung die Produktion.

Dass man es gerade mit einem solch experimentellen Format auf eine Berlinale schafft, ist auch eine Folge des aktuellen Medienwandels. Attraktive Festivalfilme sind eben keine Frage hoher Budgets. Letztendlich gilt auch in der Kunstförderung ein Motto Alexander Kluges: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Für Orphea erweist sich die Kunst auch im Schattenreich als Allheilmittel. Schon Cocteau hatte in Umkehr des Mythos seinen Liebenden einen Ausweg aus der Hölle gewiesen und dabei den schönen Tod in den Tod geschickt. Kluge und Khavn erneuern diese Utopie für das digitale Zeitalter.

In den Zeiten eines nie vergessenden Internet scheinen wir der Unsterblichkeit aber nur scheinbar ein Stück näher – gleichzeitig sind digitale Medien, stärker noch als die analogen, vom Verfall bedroht. „Orphea“ ist mehr als alles andere ein Plädoyer gegen das Vergessen des kulturellen Erbes. Und damit hoch politisch: Ebenso wichtig wie die Förderung neuer Kulturprodukte sollte gerade jetzt der Erhalt und die Vermittlung ihrer Geschichte sein; nicht zuletzt des Filmerbes.