Verleihung 12. Wim Wenders Stipendium: 100.000 Euro für sechs außergewöhnliche Projekte
Die Film- und Medienstiftung NRW hat gemeinsam mit der Wim Wenders Stiftung das 12. Wim Wenders Stipendium, eine der bedeutendsten Förderungen für junge Filmemacher:innen im deutschsprachigen Raum, verliehen. In der Düsseldorfer Sammlung Philara wurden sechs Stipendiat:innen mit Preisgeldern in der Gesamtsumme von 100.000 Euro ausgezeichnet. Das Stipendium ermöglicht ihnen die unabhängige Umsetzung ihrer innovativen Projektideen und ihrer künstlerischen Visionen, mit denen sie die Zukunft des filmischen Erzählens prägen wollen.
Wim Wenders entschied über die Vergabe der Stipendien. Unterstützt wurde er bei der Bewertung der Projekte und in den persönlichen Auswahlgesprächen von Filmstiftungsgeschäftsführer Walid Nakschbandi, Mirko Derpmann (Kreativdirektor Scholz & Friends Agenda) sowie Hella Wenders (Regisseurin und Co-Geschäftsführerin der Wim Wenders Stiftung).
Juryvorsitzender Wim Wenders: „Das Jurygremium des Wim Wenders Stipendiums der Film- und Medienstiftung NRW hat in diesem zwölften Jahr insgesamt 56 Einreichungen aus ganz Deutschland gesichtet, so viele wie noch nie. Die Bandbreite der Projekte war auch in diesem Jahr beeindruckend, sowohl, was den Reichtum der Themen angeht, als auch den Willen, neue Wege des Erzählens zu beschreiten.
Bei aller Vielfalt kristallisierten sich wie jedes Jahr Themen heraus, die in vielen Projekten spürbar ist, der Zeitgeist, wenn Sie so wollen. In diesem Jahrgang waren – angesichts der Weltlage vielleicht wenig überraschend – zwei Sujets dominierend; zum einen, wen wundert’s, künstliche Intelligenz. Zum anderen „Trauma“, also die Verletzungen, die Menschen erlitten haben. Die unterschiedlichen Ansätze, diese Verletzungen sichtbar zu machen, vielleicht zu lindern oder zu heilen, die haben uns in der Juryarbeit begeistert.
Allen 6 ausgewählten Projekten ist gemeinsam, dass die Macherinnen und Macher auf der Spur von etwas sind, das viel Erfindungsreichtum benötigen wird. Und dass, davon sind wir überzeugt, diese Arbeit es wert sein wird. Mit dem Stipendium soll den Filmemachenden die Zeit gegeben werden, ihre Filmsprache und ihre Inhalte zu erforschen, um die erzählerischen Möglichkeiten ihrer Stoffe voll ausschöpfen zu können. Herzlichen Glückwunsch an die Stipendiat:innen 2025 und vielen Dank an alle Bewerber:innen für Ihr Vertrauen.“
„Film lebt von jenen Momenten, in denen neue Stimmen laut werden – mutig, eigenwillig und voller Zukunftskraft. Sechs Filmemacher:innen haben nun die Freiheit, ihre Stimmen hörbar zu machen. Das Wim Wenders Stipendium ist einerseits getragen von der Überzeugung, dass Kunst nur dort entsteht, wo sie frei gedacht werden darf. Andererseits trägt Wim Wenders dieses Stipendium. Sein Blick für das Außergewöhnliche und seine Leidenschaft für junge Talente setzen ein deutliches Zeichen: Die Zukunft des Erzählens liegt immer auch in den Händen einer neuen Generation. Ihre Projekte stehen für den Aufbruch in unbekannte filmische Welten“, so Walid Nakschbandi, Geschäftsführer der Film- und Medienstiftung. „Wir gratulieren sehr herzlich den diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten. Diese Projekte bereits in einer so frühen Phase begleiten zu können, ist für uns ein großes Privileg.“
Ausgewählte Projekte 2025
„Amica“ von Fitore Muzaqi (NRW/Köln)
Coming-of-Age-Drama als Short-Form-Mini-Serie, 20.000 Euro
Die 14-jährige Nora freundet sich mit dem Chatbot aus der App AMICA an – bis sie zunehmend den Bezug zur Realität verliert und, motiviert durch den Bot, immer extremere Handlungen begeht. Fitore Muzaqi möchte mit ihrer Miniserie eine kritische Diskussion über die Auswirkungen von KI auf psychische Gesundheit, soziale Isolation und zwischenmenschliche Beziehungen bei Jugendlichen anstoßen.
Muzaqi arbeitete bereits als Autorin, Regisseurin und Creative Producerin und studierte Serial Storytelling an der ifs Köln. In ihren Projekten setzt sie sich mit kulturellen Unterschieden, feministischen Themen und sozialer Ungleichheit aus migrantischer Perspektive auseinander. Mit ihrem Team von WDR COSMO gewann sie 2022 den CIVIS Medienpreis für die Doku-Serie Meine Narbe. Ihr Kurzspielfilm Turtle & Albion geht ab 2025 auf Festivalreise.
„Eine Million Affen träumen von Tigern“ von Arata Mori (Berlin)
Poetischer Experimental-Dokumentarfilm mit Thriller- und Krimi-Elementen, 20.000 Euro
Der Film erforscht das Leben der „Verlorenen Generation“ Japans. Arata Mori entwickelt mithilfe von Hypnose und Psychodrama alternative „Ichs“ und fragt, was aus ihm geworden wäre, wenn er Japan nicht verlassen hätte. Ausgangspunkt ist ein realer Mord, begangen von einem jungen Regisseur dieser Generation.
Mori ist japanischer Filmregisseur, Editor und Künstler und lebt in Berlin. Sein Dokumentarfilm A Million feierte 2021 Premiere beim DOK Leipzig. Mit Andreas Hartmann drehte er 2024 den Filmstiftungs-geförderten Dokumentarfilm Johatsu – Die sich in Luft auflösen, der beim DOK.fest München ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit Laurian Ghinitoiu gründete er das Kreativprojekt another:.
„The Silence That Follows“ von Ewan Waddell (Berlin)
Experimenteller Dokumentarfilm, 20.000 Euro
Der Film zeigt den Einsatz psychedelisch unterstützter Traumatherapie in der Ukraine. Während des andauernden Krieges erproben Veteran:innen und Zivilist:innen radikale neue Behandlungsansätze mit Psychedelika. Mit Wärmebild-, Nachtsicht- und Infrarotkameras wird Trauma als unsichtbare Frequenz visualisiert.
Der britische Filmemacher Ewan Waddell absolvierte seinen Master am Catalyst Institute in Berlin mit Auszeichnung. Er arbeitete als Film- und Artdirector sowie als Journalist und Autor. Sein preisgekröntes Langfilmdebüt The Longer You Bleed (2025) feierte Premiere beim Hot Docs Filmfestival. Waddell verbindet in seiner künstlerischen Praxis Mixed Media und experimentelle Bildsprachen.
„Vivre“ (AT) von Chiara Fleischhacker (Thüringen)
Dokumentarisches Biopic, 20.000 Euro
Der 101-jährige Raymond Renaud, Überlebender des KZ Buchenwald, blickt mit unerschütterlichem Lebensmut auf sein Leben zurück. In dokumentarischen Gegenwartsbeobachtungen und assoziativen Rückblicken entsteht ein Porträt über Erinnerungskraft, Einfachheit und den Mut, trotz allem an das Gute zu glauben.
Chiara Fleischhacker studierte Dokumentarfilm-Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg sowie an La Fémis in Paris. Für das Drehbuch zu Vena erhielt sie 2022 den Thomas Strittmatter Preis. Mit dem Film gewann sie 2024 den First Steps Award sowie 2025 den Preis der deutschen Filmkritik für das beste Spielfilmdebüt. Mit Vivre möchte sie ein intimes Porträt Renauds schaffen – und zugleich einen Film über das Weiterleben nach dem Unvorstellbaren.
„Blumen aus Erfurt“ von Sonia Kennebeck (Hamburg)
Fiktionaler Kinofilm, inspiriert von wahren Begebenheiten, 10.000 Euro
Die Geschichte von drei Frauen, einer Mutter und zwei Töchtern, führt in das Ostberlin der 1980er Jahre. Eine folgenschwere Familienentscheidung löst tragische Ereignisse aus, die besonders das Leben der jüngsten Tochter prägen. Im Zentrum stehen komplexe familiäre Beziehungen und die Frage nach Vergebung im Schatten eines autoritären Staates.
Sonia Kennebeck ist investigative Journalistin und Dokumentarfilmerin. Ihr erster Langfilm National Bird feierte 2016 Berlinale-Premiere. Es folgten Enemies of the State (2020, Toronto) und Reality Winner (2021, SXSW). Foreign Policy zählte sie 2016 zu den „100 Leading Global Thinkers“, Filmmaker Magazine ernannte sie zu einer der „25 New Faces of Independent Film“. Blumen aus Erfurt ist ihr fiktionales Spielfilmdebüt.
„Trabajadores invisibles – Die unsichtbaren Arbeiter*innen“ (AT) von Jennifer Mallmann (NRW)
Poetischer Dokumentarfilm mit Animation, 10.000 Euro
Unter Plastikfolien schuften migrantische Frauen in Andalusien für Europas Obst- und Gemüseproduktion. Der Film begleitet sie zwischen Erschöpfung, Angst und stillen Momenten der Würde – und gibt Raum für Stimmen, die sonst ungehört bleiben. Er erzählt poetisch von systemischer Unsichtbarkeit und stellt die Frage, wie ein System bestehen kann, das auf Angst und Schweigen basiert.
Jennifer Mallmann studierte Dokumentarfilm-Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihre Arbeiten fokussieren Menschenrechte und strukturelle Ungleichheit. Mit ihrem Debüt Moria Six (2024) gewann sie beim DOK Leipzig den DEFA-Förderpreis und den Preis Leipziger Ring. Der Film wurde u. a. für den First Steps Award, den Doc Alliance Award und den Human Rights Award von CPH:DOX nominiert. Nach seiner Kinopremiere 2025 wurde er bundesweit gezeigt.
12. Vergabe des Wim Wenders Stipendiums
Das Wim Wenders Stipendium wurde 2014 von der Film- und Medienstiftung NRW und der Wim Wenders Stiftung ins Leben gerufen. Seitdem wurden 57 Stipendien vergeben.
Die Vergabe erfolgt in einem zweistufigen Auswahlverfahren: Nach einer Vorauswahl präsentieren die Kandidat:innen ihre Projekte persönlich. Neben inhaltlichen Kriterien zählen vor allem formale und visuelle Gestaltung. In der finalen Runde waren in diesem Jahr acht Bewerber:innen eingeladen.
Foto: Fabian Strauch