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Film und Medien Stiftung NRWEvents69. Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst

AUDIO.SPACE.MACHINE“ von wittmann/zeitblom , eine Produktion des Deutschlandfunk in Koproduktion mit NDR und SWR, gewinnt den Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst. Das gab eine 15-köpfige Jury unter Vorsitz der Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel soeben bekannt. Die renommierte Auszeichnung, getragen von der Film- und Medienstiftung NRW und ab diesem Jahr vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), wurde coronabedingt erstmals als Podcast veranstaltet und ist ab sofort abrufbar.

Podcast:

Wir danken dem Deutschlandfunk für die technische Unterstützung.

Die Gewinner:

„AUDIO.SPACE.MACHINE“

Portrait der Autoren Christian Wittmann und Georg Zeitblom

Autor: wittmann/zeitblom (Kurzbiografien)
Produktion: Deutschlandfunk mit NDR und SWR
Pressefoto: Christian Wittmann & Georg Zeitblom, Foto: Martin Walz
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100 Jahre Bauhaus. Der ehemalige Direktor Walter Gropius braucht eine Festrede. Er trifft Moholy-Nagy, Mies van der Rohe und andere Weimarer Kollegen auf der Suche nach Inspiration. Doch die Realisierung der Moderne hat nicht nur die Bauhaus-Ideen verändert. Selbst seine Künstlerfreunde schienen nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern in der Maschinerie aufgegangen zu sein. In 18 Tracks beleuchten die Autoren 100 Jahre Maschine-Mensch-Beziehung, das idealistisch-utopische Denken der Bewegung, ihre Mythen und Manien. Dafür schaffen sie ein mechanistisch-digitales Klanguniversum, assoziative Sound-Labore und kombinieren Texte von Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und weiteren Bauhaus-Künstlern der 20er Jahre mit Zitate u.a. von John Cage, Bazon Brock und dem KI-Experten Martin Rees.

Jurybegründung
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In besonders geglückten Momenten überschreitet das Hörspiel die Grenzen von Körper, Raum und Zeit. Dann zieht es sein Publikum mithilfe von Musik, Geräuschen, von zwingenden Rhythmen und den Timbres der SchauspielerInnen-Stimmen tief in einen unendlichen Erfahrungsraum. In einen, wo Gedanken, Gefühle und Intellekt nicht durch einen Bildschirm begrenzt werden, von dem sie vielleicht ermüdet abgleiten. Lange bevor die Coronakrise solche Ermüdungserscheinungen durch Rezeptionspsychologen erläutern ließ, haben Wittmann/Zeitblom mit ihrer künstlerischen Forschung zur Bauhaus-Bewegung einen lebendigen Radionerv getroffen. Basierend auf gründlichen Recherchen erzählen sie frei von verklärender Nostalgie den komplexen kulturellen Gründungsmythos der Moderne mit den tiefenwirksamen Mitteln des Hörspiels. In immer neuen Perspektiven besuchen sie den Moment der Weichenstellung für das heutige Verhältnis von Mensch und Maschine; für unsere Position im Öffentlichen, für die Rolle von Urbanistik und Design im Allgemeinen. Sie fügen die Konzepte und Glaubenssätze der Bauhäusler zu Dialogen und postumen Telefonkonferenzen und kleben ihnen auch selbstkritische Erkenntnisse ins Album: „Wer möchte schon Hitler auf einem Freischwinger sehen?“ Diese Frage verweist auf die problematische Nähe totaler Gesellschaftspläne zu nationalsozialistischen Vorstellungen. Neben den Theorien der Konkurrenten Johannes Itten und Walter Gropius führt das komische, als „Bauhausfiction“ eingeführte Videospiel „Gropemon“ in unsere Wirklichkeit. Akustisch wir das Konzeptalbum zusammengehalten, vorangetrieben und getragen von Rhythmus und Komposition, die durchgehend als gleichberechtigte Agenten der Analyse fungieren. Mit Humor und ohne in einer allwissenden Belehrungsperspektive zu erstarren, machen die Künstler konsequent erlebbar, wie viel der hochfliegenden Bauhauskonzeption im Heute zu finden ist.

Audio. Space. Machine. ist also kein historisches Stück. Es ist brandaktuell: Indem sie den vergangenen Stoff in unsere Zeit fortschreiben, geben Wittmann / Zeitblom uns ein Werkzeug an die Hand, mit dem wir, im Rückblick auf Geschehenes, unsere Zukunftsmöglichkeiten durchdenken können.

Die Nominierten:

„Das Ende von Iflingen“

Portrait des Autors Wolfram Lotz

 

Autoren: Wolfram Lotz (Kurzbiografie)
Produktion: SWR
Pressefoto: Wolfram Lotz – Foto: Carsten Tabel
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Finster, komisch und leise melancholisch beschreibt Wolfram Lotz in seinem neuen Hörspiel nichts Geringeres als den Tag des Jüngsten Gerichts. Von dem auch das fromme Örtchen Iflingen nicht verschont bleibt. Mit flammendem Schwert und loderndem Arbeitseifer steht Erzengel Michael am Rande des Dorfes, bereit, dessen Einwohner „zu Asche zu schlachten“. Als Engel Ludwig angeflattert kommt. Ohne Schwer. Dafür aber mit Posaune. Noch schlimmer aber ist, dass Ludwig nicht nur keine Ahnung vom „Auftrag“ hat. Sondern auch noch Zweifel anmeldet. An Gottes Plan! Entnervt schreitet Erzengel Michael voran, den verzagten Posaunenengel im Schlepptau, um die göttliche Anweisung energisch in die Tat umzusetzen.

Jurybegründung
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Apokalyptische Werke der Weltliteratur waren in den letzten Monaten sehr gefragt, denn wenn etwas so Unheimliches wie eine Pandemie um sich greift, wird nach Formen gesucht, um das gewaltig um sich-Greifende zu verstehen. Vorstellungen des Weltuntergangs in übergroßen Gesten scheinen der Menschheit im Moment ihrer existentiellen Bedrohung wenigstens eine Bedeutung zu geben. Umso überraschender ist der Hörspiel-Coup von Wolfram Lotz, der – vor unserer jetzigen Situation produziert – dennoch so gut in die Zeit zu passen scheint. Allerdings setzt das Stück von Anfang an auf eine Bescheidenheit im Ausdruck, die quer zur Tradition des Genres steht, in dem es agiert.

Gewissermaßen geduckt aber mit Mordeifer und großem Selbstbewusstsein schnauft sich Erzengel Michael in die erste Szene. Unter dem Flügel hat er den wichtigen Auftrag, das Nest Iflingen auszulöschen: denn angebrochen ist der letzte Tag des Universums, und seine Aufgabe nimmt der Todesengel sehr ernst. Als sein Gehilfe, Engel Ludwig, verspätet und ein wenig ungeschickt mit der Posaune als nötigem Accessoire herbeischeppert, entsteht ein Misston: Letzterer scheint nicht so recht an die Mission zu glauben. Und auch die Zuhörerin wundert sich darüber, dass der Engel mit Namen Ludwig, doch eigentlich ein Heiliger ist und nicht so ganz in diese Rolle gehört. Und so bewegen sich die beiden durch die gewollte Schieflage dieses Stücks: Der Plot, wie die Engel ihn sich denken, gerät ins Wanken durch den Plot, den sich die Dörfler ausgedacht haben. Keiner ist da, wo er oder sie zum Zeitpunkt ihrer Auslöschung hätte sein sollten: Nicht vor dem Fernseher und nicht beim Abendbrot. Und munter oszilliert dieses Endspiel zum Lustspiel und zurück, während die Himmelsboten mit veraltetem Weltbild weiter und weiter durch den Ort stolpern. Einzig die sprechenden Tiere des Dorfes treffen sie an, das Schwein oder den Mauersegler, und die erzählen in fabelhafter Manier vom Leiden der Kreatur. Aus ihren detailgenauen Auftritten lassen sich Rückschlüsse auf die Menschen von Iflingen ziehen.

Versponnen, märchenhaft und denkwürdig konkret in seiner figurativen akustischen Präsenz taucht Das Ende von Iflingen sein Publikum in eine entrückte Wirklichkeit, die ein völlig überraschendes Ende findet.

 

„Die Entgiftung des Mannes“

Portrait des Autors Holger Böhme

Autor: Holger Böhme (Kurzbiografie)
Produktion: MDR
Pressefoto: Holger Böhme, Foto: MDR/Olaf Parusel
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Im Herbst 1989 haben sich Steffi und Isa bei den Dresdner Montags-Demonstrationen kennengelernt – doch in den Nachwendewirren bald aus den Augen verloren. Dreißig Jahre später begegnen sie sich wieder: Als Steffi in Isas Agentur für ihren Mann Jochen Plakate in Auftrag geben will: Pegida-Plakate. Das will Isa auf keinen Fall hinnehmen. Steffi bleibt skeptisch, beteiligt sich jedoch an Isas vorhaben, den dauerstänkernden Jochen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt zurückzugewinnen. Doch die Entgiftung des Mannes gestaltet sich als schwieriger als gedacht.

Jurybegründung
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Erst dreißig Jahre ist das her? Irgendwie fühlt es sich doch viel länger an. Oder? 1989, im Demo-Sommer vor der Wende, landeten Steffi und Isabel auf der Flucht vor der Volkspolizei in einen Leipziger Brunnen. Die beiden jungen Frauen blieben unentdeckt, fühlten sich auf ewig verbunden durch ihren gelungenen Coup aber ihre und die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Wie in vielen erzählerischen Annäherungen an diese Zeit der deutsch-deutschen Annäherung spielt das Hörstück auch mit persönlichen Erinnerungen der HörerIn an diese Zeit (sofern sie damals dabei war). Aber selten sind die Folgen der verflossenen Zeit wohl so gut ausformuliert und in Dialoge gegossen worden, so witzig in Szenen zusammengedacht und so „liebevoll spöttisch, so schön gesprochen worden“ (eine Jurykollegin) wie in Holger Böhmes Mundart-Komödie. Die Wege der beiden Freundinnen verliefen nach der Brunnenszene sehr unterschiedlich und kreuzen sich nach dreißig Jahren per Zufall wieder. Steffi, auf den ersten Blick ganz passive, brave Ehefrau, gibt bei Isabel, der Indienreisenden und nun scheinbar erfolgreichen Besitzerin einer Werbeagentur, Plakate in Auftrag. Für ihren Mann. „Pegida“-Plakate! Nur die von schönen Szenen belebte alte Verbundenheit hält die Frauen nach dieser Enthüllung zusammen und diese Sympathie bringt sie auf die irrwitzige Idee, den vom Leben enttäuschten Mann zu „entgiften“. Mit sicherem Gespür für Dialekt und Dialoge verfolgt Böhme nun die immer abenteuerlicher sich entwickelnden und verwickelnden Entgiftungsstationen. Er skizziert seine Figuren mit leichter Hand und lässt sie in quirligen Telefonaten, konspirativ mitgelauschten Treffs, in ihrer gesamten verblüffend erfolgreichen, kichernden Intrigen zu wahrer Größe aufleben. All das geschieht mit beachtlichem Verständnis für Gespräche „unter Frauen“ und unter Vermeidung billiger Klischees. So verfolgen wir bis zu seinem überraschenden Ende hin amüsiert und auch nachdenklich ein über das „Boulevard“ weit hinausgehendes radiogenes witziges Bekehrungsstück.

 

Die Jury des 69. Hörspielpreises der Kriegsblinden

Blinde Juroren
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  • Paul Baumgartner
  • Joachim Günzel
  • Hans-Dieter Hain
  • Dietrich Plückhahn
  • Siegfried Saerberg
  • Dörte Severin
  • Thade Rosenfeldt
Kulturschaffende
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  • Gaby Hartel (Kulturwissenschaftlerin, Vorsitzende der Jury)
  • Thomas Irmer (Freier Journalist, u.a. Theater der Zeit)
  • Eva-Maria Lenz (Freie Journalistin, FAZ, epd)
  • Doris Plöschberger (Suhrkamp Verlag)
  • Diemut Roether (epd medien)
  • Hans-Ulrich Wagner (Universität Hamburg, Hans Bredow-Institut)
  • Isabel Zürcher (Kritikerin, Lektorin und Publizistin)
  • Jenni Zylka (Journalistin, Autorin und Moderatorin)