Hörspielpreis der Kriegsblinden

Der renommierte Ehrenpreis für deutsche Hörspielautoren wird seit 1952 vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. an ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Original-Hörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert. Träger ist der Bund der Kriegsblinden Deutschland und seit 1994 die Film- und Medienstiftung NRW.

Der 65. Hörspielpreis der Kriegsblinden 2016 wird am 11. Mai 2016 im Kleinen Sendesaal des WDR in Köln verliehen.


Der Gewinner 2016:

„Und jetzt: Die Welt“ von Sibylle Berg und Marina Frenk, Regie: Stefan Kanis (MDR)
Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen, weil auch das x-te Praktikum kein Geld bringt. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren unablässig per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. – Eine junge Frau bilanziert ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute Gender-Fragen und die Projekte „Sex“ und „Liebe“ mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.

Ein wildes, furioses, atemloses Stück, voll ätzender Komik und tiefer Verzweiflung, zum Lachen, wenn man denn nicht heulen muss, grandios dargeboten von Marina Frenk. Sie gibt vier jungen Frauen ihre Stimme, die sich durch die Fallstricke und Forderungen einer absurden Welt durchzubeißen versuchen – selbstbewußt und hoffnungslos, abgeklärt und aufbegehrend. Sind ihre Gewaltexzesse echt oder Phantasie? Ist ihr ironisches Abhaken von schwachsinnigen Rollen-Klischees nicht selbst schon wieder abgeklapperter Mainstream? Die Jury hob besonders hervor, wie es Marina Frenk gelingt, mit ihrer unglaublich vielseitigen Stimme das „Theaterstück des Jahres 2014“ in ein Hörspiel zu verwandeln. Sie verleiht den vier unterschiedlich Frauenrollen Präsenz, sie lamentiert, spottet, trotzt, lästert, haspelt, kreischt und seufzt, sie tönt wie eine rostige Trompete, sie singt eigene Lieder und macht aus Klassikern durch ihr Arrangement und Interpretation etwas Neues. Die Jury sah in Marina Frenk eine Mit-Urheberin des Hörspiels.

Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, verließ 1984 die DDR und lebt heute in Zürich. Seit ihrem Debüt „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ 1997 hat sie fünfzehn Bücher veröffentlicht, zuletzt „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Ihre Theaterstücke („Helges Leben“, „Hund, Frau, Mann“, „Hauptsache Arbeit!“, „Nur Nachts“, „Die Damen warten“, „Angst reist mit“ u.a.) werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt.

Marina Frenk wird 1986 im moldawischen Chisinau geboren. Von 2005 bis 2008 studiert sie Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen. Erste Gastengagements führen sie an das Grillo Theater, danach spielt sie im Ensemble des Schauspielhauses in Bochum, des Centraltheaters Leipzig und des Schauspiel Köln. Sie ist die Nora in der Ibsen-Inszenierung von Elmar Goerden und wirkt in Köln in u.a. Phädra, Wir Kinder von Theben und Der Idiot mit. Ihr Debüt als Kinoschauspielerin gibt sie 2011 in Jessica Krummachers Totem, der 2011 auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere hatte. Marina Frenk ist zudem Sängerin der Folk-Gypsy-Band Kapelsky und der ElectroTanz-Band The real Baba Dunyah. Seit der Spielzeit 2013/2014 ist Marina Frenk Mitglied des Gorki-Ensembles.

 

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oben: Marina Frenk, Sibylle Berg /© MDR unten: Marina Frenk /© MDR


Die weiteren Nominierten 2016:

„The King is Gone – Des Bayernkönigs Revolutionstage“
von Andreas Ammer und Markus und Micha Acher (BR)
(Nach einem zeitgenösischem Text von Benno Sailer)

Tröööt. Die Revolution bricht los, die „Hochzeitskapelle“ spielt Blasmusik, der letzte König ist traurig und packt seine Zigarren. Irgendjemand singt die Internationale. Und Karl Marx bekommt plötzlich doch recht: „Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Phase ist ihre Komödie.“ Die wichtigste Quelle des Hörspiels ist ein obskures braunes Heftchen eines gewissen Josef Benno Sailer, das 1919 – kurz nach der Räterevolution in München – erschien und von Carl-Ludwig Reichert in der Publikation Umsturz in München (1988) in Erinnerung gebracht worden ist. Sailer schildert dem Volk minutiös „Des Bayernkönigs Revolutionstage“. Bei einem Spaziergang im Englischen Garten wird der letzte bayerische König Ludwig III. von einem freundlichen Untertandarauf aufmerksam gemacht, dass Revolution sei: Der König möge sich lieber auf die Flucht vor der Räterepublik begeben. So nimmt die Komödie ihren Lauf: Das königliche Automobil im Marstall ist noch aufgebockt. Die Straßen Münchens sind mit Revolutionären verstopft. Die Reise endet wiederholt im Straßengraben. Die Prinzessinnen auf dem Rücksitz sind hungrig. Nacht und Nebel brechen ein. Nirgends ist ein Hemd mit der richtigen Kragenweite aufzutreiben.

Eine traurige weltgeschichtliche Komödie, ein Blues. Der letzte König Bayerns flieht vor der Revolution, sein Fahrer wird der Held eines historischen road-movies. Die Jury lobte das Grotesk-Unangemessene dieser königlichen Reise, mit absurden Zutaten: ein Auto ohne Räder, eine Nachtfahrt im Nebel mit einer geliehenen Karbidlampe, Zwischenlandung im Acker, Schlamm an den Schuhen und Juwelen im Gepäck, ein Pferdegespann als Rettung, und immer wieder die melancholischen Kommentare des Königs, der die Welt nicht mehr versteht. Die Jury hob die Rolle der Musik hervor. Mal polternd und scheppernd, intensiv und beharrlich, mal zögerlich in der Schwebe, mal bodenständig, mal mit Zitaten aus Pop und Revolutionsmusik bestimmt sie den Fortgang des Stückes. Und zieht das historische Geschehen, die Fehlreaktionen der Regierenden, ins Heute.

Andreas Ammer, geb. 1960 ist Journalist, Autor und Hörspielmacher. Er hat unter anderem mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und Ulrike Haage von den Rainbirds zusammengearbeitet. 1993 inszenierte Andreas Ammer für den Bayerischen Rundfunk frei nach Dantes Göttlicher Komödie das Hörspiel Radio Inferno. Er gehörte damals zu einer ganzen Reihe von Autoren und Regisseuren, die das Hörspiel durch die Einbindung von Pop-Elementen und Live-Aufführungen grundlegend veränderten. Für „Apocalypse live“ (BR) erhielt er 1995 den Hörspielpreis der Kriegsblinden, 2001 für „Crashing Aeroplanes“ (WDR) zum zweiten Mal.

Markus Acher (geb. 1967) und Micha Acher (geb. 1971) sind Mitglieder der 1989 gegründeten Independent Band The Notwist sowie beteiligt an zahlreichen musikalischen Nebenprojekten u.a. Tied&Tickled Trio und Lali Puna. Alben u.a. Notwist (1990), Nook (1992), 12 (1995), Shrink (1998), Neon Golden (2002), Close to the Glass (2014), Messier Objects (2015).

 

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Andreas Ammer, Markus Acher, Micha Acher / © Andreas Ammer

 

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, Regie: Leonhard Koppelmann (SWR)
Oliver Pellner, Hauptfeldwebel der deutschen Bundeswehr, fährt mit Unteroffizier Stefan Dorsch in einem Patrouillenboot in die „Regenwälder Afghanistans“, um dort den verrückt gewordenen Oberstleutnant Karl Deutinger ausfindig zu machen und zu liquidieren. Nach Motiven aus Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis erzählte Francis Ford Coppola 1979 in Apocalypse Now von einer ähnlichen Militärmission während des Vietnamkrieges. Wolfram Lotz hat den Stoff auf die globalisierte Welt von heute übertragen. Seine skurrile, traurige, ironische und komische Reise erzählt von einem Oberstleutnant der Bundeswehr, der zwei Kameraden seiner Spezialeinheit umgebracht hat. Von einem somalischen Fischer, der in Mogadischu Piraterie studierte, weil die heimischen Fischgründe von Fangflotten aus Asien und Europa leergefischt wurden. Von italienischen Blauhelmsoldaten, die Eingeborene überwachen, die für die Mobilfunkindustrie Coltan abbauen müssen. Von einem Bürgerkriegsflüchtling vom Balkan, der mit Nudeln, Spannbettlaken und Investmentfonds handelt. Sie erzählt von der Angst vor dem Unbekannten und von der Unfähigkeit, das Fremde zu verstehen.

Mit suggestiver Spache spiegelt das Hörspiel die Entgrenzung des Horrors. Afghanistan, somalische Piraten, Rohstoff-Schürfer in Afrika, Balkankrieg, Flüchtlinge, Blauhelm-Außenposten, Bundeswehreinsätze vermischen sich zu einer globalen Verwirrung. Die Welt ist nicht mehr zu verstehen, alles irritiert. Mit grimmigen Pointen und schwarzem Humor zeigt das Hörspiel, wie schief die globalen Konflikte in den Medien gespiegelt werden, aus welchen absurden Details wir unser Halbwissen zusammensetzen. Die Jury lobte die Vielseitigkeit der Sprache und der Klangwelten, war beeindruckt, wie Stille, Verstummen inszeniert werden kann. Das Hörspiel arbeitet mit imaginären Landschaften, mit Überblendungen realer Orte und Namen. Außen- und Innenwelt überlagen sich. Zeit und Raum sind aufgehoben. Realität wird Alptraum und der Alptraum wird real. „Das Stück der Stunde“, sagte die Jury.

Wolfram Lotz, *1981 in Hamburg. Aufgewachsen im Schwarzwald. Lotz lebt in Leipzig. Er schreibt Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Für seine Arbeiten erhielt er u.a. den Kleist-Förderpreis, den Förderpreis für komische Literatur und den Nestroy-Preis. 2011 wurde er in der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theaterheute“ zum „Nachwuchsdramatiker des Jahres“ gewählt, 2015 zum „Dramatiker des Jahres“. Zuletzt erschienen ist das Buch „Monologe“.

 

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oben: Wolfram Lotz /© Carsten Tabel, Leonard Koppelmann, Christoph Luser /©SWR/Peter A. Schmidt
/ unten: Johann von Bülow, Tim Seyfi /©SWR/Peter A. Schmidt

 

 

 

Die bisherigen Preisträger finden sie auf der zweiten Seite.

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